Projektleitung am Bodensee – Visionenwochenende I

Mitte Januar ging es für die Projektleitung der Bayreuther Dialoge an den Bodensee. Unsere Mission? Visionen zu Papier bringen. Die Mittel? Kontinuierlicher Dialog. Der Ort? Ein Haus im Wald und vollkommene Abgeschiedenheit.

Der Versuch einer Zusammenfassung.

Beginnen wir chronologisch. Donnerstag nach der Uni ging es los – drei junge Menschen, voller Elan, Spannung und umgeben von einem „Schleier des Nichtwissens“ – Nichtwissen darüber, was in den kommenden Tagen passieren wird. Was wir erreichen wollen und werden, ob unsere Pläne Gestalt annehmen, wie wir uns verstehen, miteinander arbeiten und welche der vielen Ideen, die jeder für sich selbst mitnahm, tatsächlich zu unseren gemeinsamen werden können.

Zurück in Bayreuth fällt es schwer in Worte zu fassen, was geschehen ist. Geschweige denn, es direkt am Montag einem Plenum zu berichten. Einem Plenum voll von erwartungsfrohen, gespannten Gesichtern, denen es nach einer Richtung verlangt. Die einen Plan möchten, aber andererseits auch selbst unendlich viele Ideen und Vorstellungen besitzen. Wir hoffen, dass es uns größtenteils gelang, den Erwartungen zu entsprechen: Visionen zu liefern aber kein Dogma vorzuschreiben.

Sichtbare, einfach zu beschreibende Ergebnisse des verlängerten Wochenendes sind ein Zeitplan, der das kommende Jahr in Aufgaben unterteilt, ein Onepager, der die Dialoge und unser Ziele darstellt, ein Kommunikationskonzept und viele, kleine Dinge. Angefangen bei der einheitlichen Emailsignatur bis hin zum Einrichten eines Onlineworkspaces, über den das Projekt organisiert wird. Soweit so gut.

Aber was geschah außerdem?

Was es so schwer macht, eine nüchterne Zusammenfassung zu schreiben, ist die Frage, wie man unsere Gedanken, den Dialog und auch den Diskurs, den wir führten und welcher die Ergebnisse erst ermöglichte, vermitteln soll. Los ging es bereits am zweiten Abend, als wir über ein Gedankensammeln zu unserem diesjährigen Thema „Verantwortung“ beinah den Kopf verloren. Parallelen zwischen den Disziplinen begannen sich zu erschließen: Philosophie, Wirtschaft, Politik – das alles verschmolz zu einem großen Ganzen. Immer weiter begaben wir uns die kommenden Tage in unser Thema hinein und lebten den Dialog. Wir diskutierten, reflektierten, konstruierten.

Nie wurden wir der Auseinandersetzung müde und nie verloren wir den Mut, den Elan, die Motivation. Der Wunsch manifestierte sich, zumindest in einem gewissen Rahmen, etwas zu schaffen. Zu verändern gar? Raum zu bieten für einen kontroversen Dialog, zwischen den Generationen und zwischen den Disziplinen. Denn wer, wenn nicht unsere Generation, trägt dafür die Verantwortung? Was auch zu den Fragen überleitet, die sich aus unserem Diskurs ergaben.

Befinden wir uns momentan nicht in einem regelrechten Teufelskreis der Verantwortungsverteilung?

Der Unterschied scheint sich immer deutlicher herauszukristallisieren. Die Zahl derer, die sich Verantwortung aufladen, als sei es angenehm, immer mehr Lasten auf den Schultern zu tragen, wird kleiner. Oder gleichbleibend. Und dann gibt es eine immer größer werdende Masse an Menschen, die sich (un)bewusst der Verantwortung entziehen. Es gibt diejenigen, die sich verantwortlich fühlen, wenn ein Kind bei der Flucht im Mittelmeer stirbt, die sich Vorwürfe machen, wenn die Fabrik eines Modeherstellers in Bangladesch brennt und die verzweifeln, wenn sie an das fehlende Verantwortungsgefühl denken, das wir zukünftigen Generationen gegenüber an den Tag legen sollten. Und es gibt die, bei denen die Verantwortlichkeit, vor ihrer eigenen Haustür endet. Wessen Aufgabe ist es nun, dieses Ungleichgewicht wieder in geordnete Bahnen zu lenken? Die der „Eliten“? Nehmen sie also erneut Verantwortung auf, nämlich die der gerechten Verantwortungsverteilung? Sie nehmen auf, um abzugeben? Antithese oder Paradoxon? Möglich oder schier undenkbar?

Und wie hängt Verantwortung eigentlich mit Freiheit zusammen?

Seit Anbeginn der Menschheit strebt das Individuum nach mehr Individualität. Wir wollen Freiheit. Freiheit in unseren Entscheidungen, einen freien Markt. Wir wollen frei sein von gesellschaftlichen Konventionen, wollen unabhängig sein. Politisch, sozial, wirtschaftlich. So die Theorie. Schauen wir in die momentane Gesellschaft, schlägt uns ein anderer Wind entgegen. Brexit und US-Wahlen sind nur zwei Beispiele einer Gesellschaft, die eher wieder nach Grenzkontrollen denn nach grenzenloser Freiheit strebt. Wollen wir also doch nicht mehr frei sein?

Aber ist es wirklich Freiheit, die wir abgeben möchten – oder nicht viel mehr Verantwortung, die uns belastet und derer wir uns entledigen wollen. Suchen wir erneut die Unmündigkeit, aus der uns Kant doch eigentlich gebracht haben sollte?

Aus dem vermeintlichen Beantworten einer Frage ergaben sich unzählige neue. Ein Prozess, den wir nicht zu stoppen wagten. Denn jede Frage schien relevanter und aktueller als die vorherige.

Der Dialog beginnt nicht erst im Oktober.

Er fand in unserem Team bereits in den letzten Wochen seinen Anfang und wird fortan kontinuierlich geführt. Wir laden auch Sie ein, mit uns ins Gespräch zu treten. Wir würden uns freuen, wenn Sie ein paar Minuten Ihrer Zeit der Thematik widmen und uns Ihre Gedanken zukommen lassen.

Wir hoffen ein wenig Licht in den bisher dunklen Raum Bayreuther Dialoge 2017 gebracht zu haben und freuen uns über jegliche Anregungen und Kommentare.

Ihre Projektleitung.

 

David, Yannik, Jule